Everybody's fucked in his own special way

Mittwoch, 31. Mai 2017

Standing at the sea

(Zugleich ein Beitrag für Frau Tonaris "Rost-Parade"-Projekt.)

Nach dem Griechenland-Urlaub bietet es sich ja an, ein bisschen Salzwasser-Rost zu zeigen. Da gab es an den Stränden genügend zu sehen. 


In Peroulades verschwindet nicht nur der Strand, sondern auch das Geländer an der Treppe dorthin. Sieht aber gut aus. 

Auf diesem Stein am Strand von Kalami lag offenbar etwas Eisernes, das nicht mehr vorhanden ist, aber durch die Rostspuren noch erkennbar ist. 

Zur musikalischen Untermalung gibt es Hüsker Dü mit Standing at the sea. Wundervolles Stückchen, allerdings fast etwas zu dramatisch für den doch eher entspannten Urlaub. 

Dienstag, 30. Mai 2017

Verirrte Seelen unterwegs (6)

So ganz stimmt es nicht, dass sich in Karrousades in den letzten dreißig Jahren nichts verändert hätte: Früher sah man immer noch ältere Leute auf dem Esel durch's Dorf reiten, diese Zeiten scheinen jetzt endgültig vorbei.

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Nach zwei Tagen ist es wieder Zeit für den Abschied; weiter nach Korfu-Stadt. Wir quartieren uns am Hafen ein, in einem richtigen Hotel. Früher gab es zwei, das Hotel Ionian und das Hotel Atlantis. Merkwürdigerweise ist das Atlantis nicht untergegangen, während das Ionian seit Jahren leersteht. Die Vorsaison-Preise sind aber immer noch sehr moderat und man kann vom Balkon aus den Fährhafen sehen. 

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In der Stadt merkt man, dass langsam die Saison beginnt, einige Touristen unterwegs. Wie jedes Mal verirre ich mich in den engen venezianischen Gassen. Ich kann mit Architektur nicht allzuviel anfangen, aber ich mag die leicht runtergekommenen Fassaden. 

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Wir setzen uns in eine Gasse zum Abendessen. Zunächst stehen da nur ein paar Tische, die Kellner holen dann nach und nach neue Tische und Stühle, wenn neue Gäste kommen. Das Essen ist, verglichen mit dem was wir anderswo auf der Insel bekommen haben, eher enttäuschend. Allerdings probt neben dem Lokal ein Orchester, das in kurzer Folge immer wieder 30 Sekunden eines Stücks spielt, was einen gewissen surrealen Reiz besitzt. Und mit einem Mal ist die Luft von Bewegung erfüllt und man hört kleine kurze Schreie. Über uns kurven hunderte von Mauerseglern, die mal hoch, mal tief durch die Gassen fliegen. Wahrscheinlich sind es keine Mauersegler, sondern eine andere Seglerart, es ist aus der Entfernung nicht genau zu erkennen. Ich sitze da mit dem Kopf im Nacken und sehe mir dieses unglaubliche Durcheinander der schwirrenden Tiere an, das Auf und Ab und Hin und Her. Anders als die Schwalben setzen die Segler nicht ab, sondern sind immer in Bewegung, verschwinden wieder in die Höhe, kommen zurück in die Gasse. 

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Wir beschließen, uns noch vors Hotel an den Hafen zu setzen. Wir bestellen uns Bier, hinter uns sitzt eine große deutsche Reisegruppe, von einem Hotelbalkon singen ein paar Italiener laut Heavy-Balladen mit. Einer der Deutschen hört sich genauso an wie Wilfried Kretschmann, ich stelle mir vor, dass er dort mit seinem Baden-Württemberger Kabinett herumsitzt. Da ich angestrengt auf den Hafen sehe, kriege ich aber nicht mit, wie er tatsächlich aussieht. Die hotelangestellte Bedienung versorgt uns mit Bier und Nüssen. Sie fragt uns, ob wir Brüder seien, was wir bejahen müssen, und vermutet dann, wir seien Zwillinge, weil wir uns so ähnlich sähen. Jetzt sind wir beide aus ganz unterschiedlichen Gründen beleidigt. 

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Den Kreisverkehr am Hafen kommen die unterschiedlichsten Wagen entlang, irgendwann kommen die Hotelbusse, die die ganzen Touristen vom Stadtausflug wieder in die Hotels bringen. Weil die Nacht so angenehm ist, die Hotelbar nicht zumacht, und wir ja am nächsten Tag wieder fahren müssen, bleiben wir immer noch ein bisschen sitzen. Kretschmann und seine Gang verschwinden irgendwann, nach noch einem Bier und einem Schälchen Nüsse zahlen wir dann auch. Die Bedienung ist vergnügt, sie erzählt, dass die deutsche Gruppe darauf bestanden habe, separat zu zahlen, damit habe sie insgesamt ordentlich Trinkgeld bekommen. Wir wünschen gute Nacht. 

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Am nächsten Tag im Flughafen wieder Anstehen zwischen Rentnern, mit Genörgel und Vordrängeln. Ein Typ neben mir, der die ganze Zeit quasselt, erklärt seinen Freunden, dass er im Flugzeug dreierlei Leute unterscheidet: Die, die andauernd quasseln, die, die andauernd nörgeln, sowie die, die immer rumlaufen. Er selbst gehört mindestens in zwei dieser Kategorien. 

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Die kroatische Küste von oben sieht so aus, als hätte Gott Laubsägen geübt. 

(Die Landgestaltung ist auch eher seltsam:)



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Berlin ist so freundlich, mich mit ähnlichen Temperaturen wie Korfu zu empfangen. Es ist das Wochenende des Kirchentags, um im kurzzeitig protestantischen Berlin Akzente zu setzen, bringe ich eine Ikone von Johannes dem Täufer mit (oder wer sonst noch einen zweiten Kopf auf einem Tablett mit sich trägt).


(Damit endet der Versuch des Reise-Tagebuchbloggens: Herr Ackerbau fährt nach Griechenland, um Farbe beim Trocknen zu beobachten, schreibt darüber, wie Farbe trocknet, und weist darauf hin, dass er schon vor dreißig Jahren Farbe beim Trocknen beobachtet hat.  Ich danke allen, die es bis hier her ausgehalten haben. Morgen geht es wie gewohnt weiter, also auch nicht sonderlich spannender.)

Montag, 29. Mai 2017

Verirrte Seelen unterwegs (5)

Auf dem Rückweg von Peroulades setze ich M. schon mal in der Taverne ab und fahre mit dem Auto die zwei Kilometer zum Ferienhaus. Der Weg ist eine Schotterpiste, bei der man extrem aufpassen muss, dass man mit dem Wagen nicht aufhockt. Einmal hab ich's geschafft, die Ölwanne hat es aber ausgehalten.

(Für Hühner ist der Weg ungefährlich.)

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Ich mache mich auf dem Weg durch den Olivenhain zur Taverne (in diesem Video von vor drei Jahren kann man sehen, wo es lang geht). Der Pfad ist allerdings kaum zu erkennen, ich mag den Weg durch die knorrigen Olivenbäume aber einfach zu gerne.


Vielleicht hätte ich auf den Faun hier am Stamm hören sollen, der mir "Dreh lieber um!" zuzurufen scheint.

Ich lande irgendwie im Nirgendwo und kämpfe mich durch Dornenranken und Farne wieder in vertrautes Gelände, bis ich den Hohlweg wieder finde, durch den ich vor Jahrzehnten mal Kostas, den Esel, gescheucht habe. Mit einiger Verspätung komme ich in der Taverna an und bekomme passenderweise einen Ouzo Lazarus angeboten. Der weckt Tote wieder auf.

Elyseos hat, wie schon vor drei Jahren, N. als Helfer in der Kneipe. N. ist vor knapp dreißig Jahren aus Albanien gekommen, ich erinnere mich undeutlich, ihn schon 1991 gesehen zu haben. N. hat einen 18 Monate alten Sohn. Da seine Frau auch in einer Taverna arbeitet, bringt er den Junior zur Arbeit mit. Wir glauben zunächst an einen Scherz, aber der Kleine heißt auch Elyseos, der große E. war Taufpate. Also haben wir jetzt Mikro Eliseos und Barba Elyseos.

Das Essen ist wie immer gut und zu viel. Anders als früher genügen die zwei Liter Wein, die vom Fass in eine leere Ouzo-Flasche abgefüllt wurden.

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In der Taverna läuft der gleiche Sender wie im Auto, das gibt uns einen strategischen Vorteil. Gern gehört wird "Etsi einai Barba Gianni", (etwa "So isses halt, alter Hans"), ein furchtbarer griechischer Schlager. Da ich es ungerecht finde, dass nur ich diesen doofen Ohrwurm habe, würde ich euch bitten, auch dieses Video zu gucken.

(So sieht der Chef aus, wenn er das Lied mitsingt.)

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Währenddessen läuft Mikro E. mit einem Spiellastwagen um die Tische und bringt den Gästen mehr oder weniger nützliche Gegenstände. Ab und zu schlägt er sich den Kopf an, dann müssen N. oder E. trösten. Ich weiß, dass es aus mehreren Gründen problematisch ist, wenn ich hier mitteile, dass ich meine erste Zigarette seit Jahrzehnten geraucht habe, weil mir ein Kleinkind Kippen und Feuerzeug an den Tisch getragen hat. 

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Als Nachtisch gibt es Obst, darunter auch kleine gelbe, leicht fleckige Früchte, die wir nach einigen Diskussionen als Mispeln identifizieren. Allerdings wohl die Mespilus canescens, wie M. rausfindet, die anders als die deutschen Mispeln sind. Ich habe mal Kerne mitgenommen und eingepflanzt, in etwa 10 Jahren weiß ich Näheres.

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Auf dem Rückweg werden wir wieder von Glühwürmchen begleitet, außerdem von einer Kröte und einem Igel. (Falls jemand zweifelt: Natürlich hätte ich auch unscharfe Krötenfotos.)

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Auf dem Balkon gibt es zwar ein Schwalbennest, das ist allerdings inzwischen unbewohnt. Ich habe den Blick auf E.s Gemüsegarten. Wenigstens sind seine Tomaten auch noch nicht richtig weit. M. und ich sehen zu, wie ein Vogel alle paar Minuten über die Felder zu dem Bambus fliegt und dabei Kacke auf das Feld fallen lässt. Wahrscheinlich kommt er vom Nest und muss die Kacke seiner Kinder entsorgen. Gelegentlich lässt sich auch ein Eichelhäher blicken. Eichelhäher sind wenigstens so groß und auffällig gefärbt, dass ich sie ungefährdet auch auf größere Entfernungen identifizieren kann. 

Der Wein wächst schon in die Olivenbäume.

Die Artischocken sind beneidenswert (einmal hatte ich eine ähnlich schöne im Garten).

Die Bananenpalme hat es wirklich abbekommen, fast komplett erfroren (war etwa 6 m hoch, über einige Quadratmeter). 

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Um die Popularität des Blogs mal zu steigern, ein paar Katzenbilder (Ihr steht doch drauf, oder?)







Samstag, 27. Mai 2017

Verirrte Seelen unterwegs (4)

Ich fahre früh los, um Michali am Flughafen abzuholen. Wir fahren zurück, die Küste entlang und trinken erst einmal einen Frappé an einem kleinen Fischerhafen. Ein Paar neben uns wirft Brotstückchen ins Wasser, die Fische prügeln sich fast darum, man hat fast den Eindruck, als wollten sie ans Ufer springen. Der Wirt wirft eine ganze Scheibe Weißbrot; in wenigen Sekunden ist sie aufgeteilt und verschwunden. Derweil schaut eine Katze den Fischen zu, sie spielt aber auch mit einem toten Krebs, der ihr aber etwas zu langweilig ist.

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Wir gehen die paar Meter zu unserem Hausstrand. Das Wasser ist angenehm, man kann den paar Booten beim Schaukeln zu sehen.

Am Strand auch ein kleines Bötchen, das irritierender Weise "Parasit" heißt (immerhin: mit Ersatzreifen).


Ein paar Meter entfernt noch ein Boot, das aber nicht mehr ganz seetüchtig ist. Für Bastler und Liebhaber.



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Am Abend ein Absacker in der Strandbar, wir sind die einzigen Gäste. Aus den Bäumen ein einzelner dunkler Ruf, der von der anderen Straßenseite doppelt beantwortet wird. Drei Vögel, die hintereinander einzelne Töne in unterschiedlicher Tonhöhe von sich geben: Hu- hu -huu. Weder Timing noch Harmonik passt. M. nennt die Vögel die "Drei Stooges" und vermutet Käuzchen. Das scheint plausibel, da's ja schon Nacht ist, wir scheitern aber an der Käuzchenbestimmung anhand der Rufe.  Ich habe selten so blumige Beschreibungen gelesen wie die der Käuzchenrufe. Aber das passt alles nicht, wir hören kein trillerndes wuwuwu des Waldkauzes, das er beim Zeigen der Nisthöhle und/oder vor der Begattung von sich gibt, wir hören keine trillernden ü-Laute des Sperlingkauzes (die sich bei Anblick eines Rivalen überschlagen können). Ich weiß jetzt allerdings, dass ich für ein Hörbuch, in dem ein professioneller
Sprecher die Vogelstimmenbeschreibungen aus Wikipedia vorliest, gutes Geld bezahlen würde. Hier wird verzweifelt versucht, das Unsagbare zu beschreiben. Wir zahlen und gehen, begleitet vom Hu-hu-hu der Drei Stooges und zutraulichen Glühwürmchen, ins Zimmer.

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Am nächsten Tag steht der Umzug nach Karrousades an.  Ein bisschen fällt der Abschied schwer, wirklich ein schöner Ort und eine nette Pension. Wir machen zunächst einen Abstecher in die andere Richtung, nach Lefkimi. In Erinnerung bleibt mir hier das Pasok-Parteibüro.

Und dieser Dauerparker.

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Wir machen einen Abstecher an die Westküste. Dort kann man wieder ein paar Bergpässe fahren, was wunderbar ist, solange man der einzige Rent-a-car-Depp auf der Straße ist. Wenn mehr unterwegs sind, wird es leicht kompliziert.

Auf jeden Fall kann man das versteinerte Schiff des Odysseus sehen, mit dem er hier ankam.

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Außerdem gibt es Baumaschinen zu sehen. Wohl dem, der M. auf Reisen dabei hat, er kann einem jede Baumaschine erklären!


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Wir beziehen unser Apartment und machen dann noch einmal einen Abstecher nach Peroulades, zum Sunset Beach. Strand kann man's nicht mehr nennen, vor ein paar Jahrzehnten war hier noch ein Sandstrand unter der Steilküste, jetzt ist hier im Wesentlichen nur noch ein betonierter Steg. Wir setzen uns hin und gucken die Steine, die im Wasser liegen, an. M. entdeckt einen Krebs, der an einem Stein hängt, durch intensives Starten emtdecken wir noch vier weitere. Die nächste Stunde schauen wir den Krebsen zu, ehrlicher Weise muss man sagen, dass das nicht die spannendsten Tiere sind. Sie krabbeln ein bisschen hin und her und bleiben dann irgendwo hängen. Damit machen sie zwar mehr als wir in der gleichen Zeit, aber trotzdem: enttäuschend.

(Drei Stück, wenn man lang genug hinsieht.)

Irgendwann kommen drei Italiener, eine davon schwimmt zur Steilküste, damit die anderen Fotos von ihr machen können. So richtig kriegen wir es nicht mit, wirvmüssen ja auf die Krebse aufpassen. Die sehen übrigens aus, wie die große Krabbe bei "Urmel aus dem Eis", machen aber keine so komischen Geräusche. Ansonsten hätten wir natürlich, wie einst Wawa, gesagt: "Sei ruhig, sonst beiß ich dir das Nasenkipfele ab."

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Auf dem Rückweg gibt mir ein rotgebrannter junger Mann auf der Straße ein Zeichen, ich solle anhalten. Als ich dtehen bleibe, beugt er sich zum Autofenster und sagt etwas wie "Sunflower Terraces", kaum verständlich. Der arme Brite war am Nachmittag im Nachbarort Sidari saufen und nun nicht mehr in der Lage, seine Apartmentanlage zu finden. Leider konnten wir ihm auch nicht helfen. Der Titel dieses Beitrages sei aber heute ausdrücklich ihm gewidmet.

Donnerstag, 25. Mai 2017

Verirrte Seelen unterwegs (3)

Der Vormittag beginnt zunächst etwas schleppend. Ich frühstücke, schreibe den Blogpost und sortiere meinen Kram. Eigentlich verdanke ich diesen Kurzurlaub Frau Kirschblüte. Letztes Jahr hatte ich zusammen mit einem Kollegen den Plan, ein paar Tage nach Korfu zu fahren, weil der Kollege gern mal nach Albanien wollte. Ich hatte schon die Urlaubsverfügbarkeit etc. geprüft, da ging es bei dem Kollegen aus verschiedenen Gründen nicht mehr. Auch gut. Vor ein paar Monaten erwähnte dann Frau Kirschblüte, dass sie nach Athen fliege, und ich dachte mir: warum ziehe ich nicht einfach alleine los? Urlaub beantragt, Flug gebucht, Michali noch aktiviert. Gerade noch rechtzeitig.

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Heute gehe ich auf Erkundungsreise, ob Elyseos noch seine Kneipe hat. Dazu muss ich ans andere Ende der Insel. Wenn dort alles noch in Ordnung ist, gehe ich mit M. noch einmal zwei Tage zu Elyseos. Es ist jetzt knapp dreißig Jahre her, dass ich das erste Mal bei ihm war (einen Teil der Geschichte findet man hier unter dem Tag "Elyseos").


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Das heißt erst einmal: viel Auto fahren. Unbeabsichtigter Weise biege ich falsch ab und fahre zunächst die Küstenstraße. Ich darf hier ab und zu an Hotelbussen vorbei rangieren, das kann unangenehm sein. In Korfu-Stadt muss man, um nach Norden zu kommen, durch die Innenstadt, in der es auf einmal lauter Einbahnstraßen gibt. Mein Meisterwerk ist, als ich direkt vor den Augen einer desinteressierten Polizeistreife versuche, in eine Einbahnstraße zu fahren. Irgendwann finde ich aber den Weg zum Hafen, von da aus kenne ich mich wieder aus.

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Um in den Norden zu kommen, muss man über einen Bergpass, der durch 180 Grad-Kehren entzückt. Bergauf weniger ein Problem, runter muss man sich halt vor Augen halten, dass nach der 600 m Rennstrecke plötzlich eine komplette Kehrtwendung kommt. Es geht erst hoch, dann wieder runter, dann gleich wieder hoch. Karrousades ist nur knapp  30 km von Korfu-Stadt entfernt, man braucht aber eine knappe Stunde.

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Und das auch, wenn man nicht wie ich, Abkürzungen sucht. Aus Gründen, die ich selbst nicht mehr verstehe, fahre ich nach Agrafoi, einem wunderbaren Bergkaff mit Straßen, die etwas breiter als mein Auto sind. Am Ortsende verwandelt sich die Straße in einen steil abfallenden Schotterweg ins Nirgendwo. Ich beginne rückwärts durch die engen Gassen zu fahren, kann Gott sei Dank bald wenden.  Das war etwas stressig, auch ohne Gegenverkehr.

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Ich komme nach Karrousades, stelle das Auto ab und gehe die paar Meter zur Taverna. Der Fernseher ist an, die Tür zugezogen, auf den Tischen steht Blumendekoration. Elyseos schläft auf zwei Stühlen vor dem Fernseher und wacht auch nicht auf, als ich reinkomme. Ich lasse ihn erstmal schlafen und fahr noch einmal ei Stündchen an den Strand.

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Eine Stunde später ist der Chef wach. Ja, bei ihm im Haus ist Platz, ja wir können übermorgen kommen. Wir unterhalten uns ein bisschen über das Wetter, Elyseos ist im Winter seine riesige Bananenpalme erfroren, ich erzähle von meiner erfrorenen Feige. Als ich das erste Mal in der Taverna saß, gab es noch den Eisernen Vorhang. Die ganze Welt hat sich komplett geändert, hier ist es aber im Wesentlichen noch genauso wie vor dreißig Jahren. Eine Feststellung, die mich jedes Mal beruhigt und halb wahnsinnig macht. Natürlich gibt es über die Jahre die Reihe der Verstorbenen und Verschollenen. Und wir alle sind nicht jünger geworden. Elyseos meint, die Jahre flögen dahin wie Vögel.

Die Blumendekoration war für den Kostas und Eleni-Tag.

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Ich mache mich auf den Rückweg.
(Mensch, ich bekomme die Gratis-Flasche Ouzo vom griechischen Fremdenverkehrsverein ja nur, wenn ich ein paar Werbefotos poste. Dann mal schnell hin...)



Montag, 22. Mai 2017

Verirrte Seelen unterwegs (2)

Das Frühstück hier ist bemerkenswert - Kaffee, Croissant, Obstsalat, Wurst, Käse, Orangensaft. Während ich frühstücke kann ich den Rauschschwalben zusehen, die über meinem Kopf Kunststücke fliegen.

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Ich fahre nach Agios Georgios, an den Strand. Zunächst denke ich, ich hätte mich wieder verfahren, weil es wieder in Serpentinen nach oben geht, aber der Weg ist richtig und ich komme zur Hauptstraße. Die Karten sind alle eher ungefähr.

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In einem Ort sind die Straßen mit KP beschmiert. Nach etwas Nachdenken fällt mir ein, dass das Kalo Pascha, Frohe Ostern, heißt (die kommunistische Partei heißt KKE). Auf einem Abbruchhaus steht "Jesus ist auferstanden" in großen weißen Lettern.

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(Parabel auf die politische Berichterstattung, die Weltläufe oder was weiß ich)

- Was siehst du in den Wolken?

- Einen Totenkopf mit Trump-Frisur.

- Und hier?

- Auch.

(Kurze Überlegung, ob das Foto der Wolke, die aussieht wie Prinzessin Leia beim Kacken die politisch/poetische Kraft dieser Parabel schwächen würde. Ist wohl so.)

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Die alten Griechen erzählen sich, dasd die Seelen der ertrunkenen Seeleute in den Kieseln gefangen seien. Wenn man sie ans Ohr halte, höre man sie schreien.



(Natürlich erzählt niemand sich so einen Stuss. Und wenn, würde ich es eh nicht verstehen. )

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Ich trinke einen Frappé und esse einen griechischen Salat. Das Lokal füllt sich langsam mit den verschiedensten Nationalitäten. Ein Schweizer ohne Zähne, Holländer, Deutsche. Am Nebentisch liest eine Frau ihrem Mann aus dem Reiseführer vor. Der Mann steht mitten im Satz auf, geht zum Terrassenrand, macht ein Foto, kommt wieder zurück. Die Frau macht ihm Vorwürfe wegen dieses Verhaltens. Er entgegnet nur, sie sei ja immer so schnell eingeschnappt. Die Mitmenschen, die man unwillkürlich beobachtet, sei es, dass sie vordrängeln, dummes Zeug erzählen oder sich streiten, sind ja eigentlich meist nur ein Zertspiegel der eigenen schlechten Eigenschaften. Aber man weigert sich, den Spiegel zu erkennen und kann alle Dummheit und Niedertracht nur den anderen zuschreiben.

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Das Wasser ist frisch, aber nicht unangenehm. Es geht ein Wind, es gibt Wellen. Glücklicherweise hat mir Kindergartenfreund M. vor Jahren mal eine Schwimmbrille mit geschliffenen Gläsern, -8.0 und -6.0 Dioptrien gemacht. Ohne Brille sehe ich nix, wenn ich meine im Meer verlöre, hätze ich ein größeres Problem.

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Mein Autofahrerlebnis wird sogar noch besser, als ich endlich herausfinde, wie man im Radio einen Sender richtig einstellt. Mit der 60er Jahre Schlagerfassung der Rembetika-Musik kurve ich über die Straßen.

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An diesem Schild standen Frau Ackerbau und ich schon auf unserer Hochzeitsreise. Nach langer Analyse hatten wir uns für einen langen Weg durch die Olivenhaine entschieden, allerdings standen wir nach einer Stunde wieder an genau der gleichen Kreuzung. Ich habe heute mehr Glück.

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Ich fahre zum Korrission-See, ein Binnensee, nur durch Dünen vom Meer getrennt. Ich freue mich auf das Gehen, vom Auto aus verpasst man dich viel. Ich war früher im Urlaub fast immer zu Fuß unterwegs, ich hatte allen Grund sparsam zu sein. Ich kannte deswegen die Umgebung um Umkreis von 2 km meist ganz genau, hatte aber oft die wesentlichen Sehenswürdigkeiten nie gesehen. Dann muss man sich eben selbst die Sehenswürdigkeiten bestimmen (in diesem Satz liegt ein Teil der Erklärung für diesen Blog).

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Ich wundere mich über den süßlichen Geruch in der Luft, der so gar nicht zu einem See passt. Dann sehe ich's: es ist der blühende Ginster. Vor ziemlich genau zwanzig Jahren war ich tausende Kilometer nördlich auf Islay, da blühte und roch der Ginster auch.


Am See gibt es reichlich zu sehen. Ein paar Strandschönheiten:


Bücher, die jemand liegen ließ:



Aber manchmal ist der große Stein, der aussieht wie ein Schildkrötenpanzer dann doch wirklich ein Schildkrötenkadaver.


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Ich kaufe ein paar Vorräte ein, der Verkäufer erzählt mir, dass heute ein großes Fest, der Namenstag von Kostas und Eleni, ist (also wird die halbe Insel Namenstag haben).

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Hier zeigt sich, es kommt nur auf die Perspektive an:

Blick nach Osten.

Blick nach Westen.

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Auf meinem Balkon höre ich wieder den Rauchschwalben zu und unterhalte mich über Twitter bei einem Bier. Eine Elster taucht auf, wird aber von den Rauchschwalben mit einem Schnabelhieb auf den Kopf begrüßt und verjagt.

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Am Abend 50 m zur Taverna, ich teile mir kleine Fische mit der maunzenden Katze. Der Kellner vergißt mich, aber das macht nichts. Zum Schluß wieder einen Ouzo aufs Haus, definitiv zu viel.