Everybody's fucked in his own special way

Freitag, 24. November 2017

Bedeutende Dienstreisen (34)

Wie ich letzthin schon schrieb, bin ich gerade viel unterwegs. Allerdings bleibt nur selten genug übrig, um einen der regulären Dienstreisenposts zu machen. Zu wenig Bilder, zu wenig interessante Entdeckungen, keine drolligen Begebnisse. Nun bin ich auch schlau genug zu wissen, dass das wenig mit den Reisen zu tun hat. Auch bei den bisherigen Dienstreisen-Posts ist ja nie irgendetwas besonders interessantes oder bedeutendes passiert. Es ist eher eine Frage, wie man die Dinge wahrnimmt und da muss man wohl konstatieren, dass ich, der sich normalerweise stundenlang mit einem Zettel oder Stöckchen am Wegesrand beschäftigen kann, im Moment eher stumpf durch die Gegend fahre. Dann schreibe ich eben ein paar stumpfe Posts. 


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Der Tag beginnt mit den dümmstmöglichen Begebnissen. Der Zug, den ich gebucht habe, fährt um zwanzig Minuten früher als auf der Fahrkarte steht. So etwas ist kein Problem, wenn man es vorher weiß. Ich stehe also um kurz vor sieben am Hauptbahnhof und versuche, meine nächste Verbindung zu organisieren. Die Wagenreihung vom nächsten Zug weicht von der Wagenstandsanzeige ab, d.h. es gibt eine Version auf der Wagenstandsanzeige und eine auf der Anzeige am Bahnhof, im Waggon wechselt die Nummerierung auf den Displays mehrfach von Waggon 22 zu Waggon 32. Tückisch, wenn man in einem Zug sitzt, der in Hamm geteilt wird und man eigentlich schon im richtigen Zugteil sitzen will. Mir ist es eh wurscht, die Reservierung hatte ich ohnehin nur für den Zug, den ich verpasst hatte. Anders als mein Hintermann sitze ich auch glücklicherweise im richtigen Zugteil. Letzlich habe ich mir ja aber vor zwei Jahren vorgenommen, mich über nichts mehr bei Dienstreisen aufzuregen, und halte mich auch daran. Irgendwann kommt man immer irgendwie irgendwo an. Wäre dieses Blog ein Roadmovie, würde sich der Protagonist am Ende der Reise geändert haben. So bleibt aber alles gleich, eine endlose Abfolge von Reisen, Treffen, Verspätungen, deren Zweck im Nachhinein exklusiv darin zu bestehen scheint, dass irgendwer irgendwohin fährt. Mehr rituelle Handlung als geschäftliche Zielsetzung.

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Aus dem Zugfenster sehe ich den Sonnenaufgang. Der Himmel ist blau, von weißen Streifen durchschnitten, am Horizont die Sonne hat einen intensiv goldenen Schein, wie man ihn nur an klaren Herbsttagen sieht. Auf meiner Zugseite wird die karge Landschaft mit Gold überzogen. 
Es gibt nichts merkwürdigeres und wunderbares als die Landschaft neben den ICE-Trassen. Eine Mischung von Weideland, Gewerbegebieten, alten verfallenen Bahnhofsgebäuden, Schrottplätzen. Man möchte alle 100 Meter anhalten und ein Foto machen. 



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Ankunft. Ich komme zwar zu spät, meine Abwesenheit hat aber noch nicht gestört. Ich höre einen bemerkenswerten Vortrag, in dem der Vortragende bestimmte Entwicklungen darauf schiebt, dass das Moralgefühl der Massen seit der Kaiserzeit immer schlechter geworden sei. Im Publikum aber wenig Monarchisten, die Auffassung findet keinen Anklang. 



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Am Bahnhof für den Rückweg. Am Bahnsteig 10, der eigentlich vorgesehen war, ist angezeigt, dass der Zug heute von Bahnsteig 16 gehen soll. Am Bahnsteig 16 ist der Zug aber  nicht angezeigt. Rechtzeitig höre ich dann, dass der Zug von Gleis 18 geht. Ich bin rechtzeitig da; wie das jemand rausfinden soll, der etwas langsamer zu Fuß ist oder nicht richtig deutsch kann oder der nicht wie ich immer dreimal nachsieht, weiß ich auch nicht. 



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Mir gegenüber sitzt ein Cellist mit den Noten von Schwanensee. Auf dem Hinweg saß vor mir eine Frau mit den Noten zu "Küssen kann man nicht alleine". Zumindest kulturell geht's bergauf.

Mittwoch, 22. November 2017

Im Zug (2)

Ich bin gerade die ganze Zeit unterwegs, aber es findet sich nicht der richtige Stoff für Dienstreiseposts, keine Fotos, keine Begebenheiten. Nur Mitreisende.

Ich bin zu früh am Bahnhof und stelle fest, dass ich eigentlich einen früheren Zug nehmen kann. Mein Ticket ist flexibel. Ich steige ein, der Zug wurde am Ostbahnhof bereitgestellt, so dass am Hauptbahnhof fast alles noch frei ist. Vielleicht die Hälfte der Sitze ist reserviert, also kein Problem, Platz zu finden. Kaum habe ich mich hingesetzt, kommen eine Reihe von jungen Leuten in den Großraumwagen. Sie haben offensichtlich zwei Vierertische reserviert (Berlin - Bad Oeynhausen). Sie tragen alle Trainingsanzugsjacken auf denen "Eastgate Borussen"* steht. In die Gepäckablage wandern Bierkästen und Schnapsflaschen. Der erste Mitreisende steht auf und geht vorsichtshalber einen Waggon weiter. Ich habe nie verstanden, wie man bereits um acht Uhr in der Früh stockbesoffen sein kann, aber es muss gewisse Reize haben. Einer der Borussen sucht den Weg auf die Toilette und rennt deswegen ein bisschen die Gänge auf und ab. Ein anderer probiert aus, ob es im Waggon beim Rülpsen ein Echo gibt. Der Waggon leert sich weiter. Ich bleibe noch, überlege mir, ob es wohl möglich sein wird zu arbeiten, und wünsche mir meine sensible Mitreisende von letzter Woche ins Abteil. Zwei Borussen diskutieren die genaue Mischung einer Bloody Mary, ein anderer sucht den Bierkasten, den er vor fünf Minuten in die Gepäckablage gestellt hat. Auf dem Gang treffen sich mehrere Borussen, die in verschiedene Richtungen ausgeschwärmt sind, um das Klo zu finden. Weitere Reisende wechseln den Waggon. Die Borussen freuen sich über die Bewegung und verdächtigen sich gegenseitig, dass jeweils der Gestank des anderen die Mitreisenden vertreibe. Zwei streiten sich, wer in und wer entgegen der Fahrtrichtung sitzen darf, untermauert mit physikalischen Überlegungen, in welcher Richtung man schneller kotzen müsse. Ich bin jetzt allein mit den Borussen im Waggon. Unerwartet kommt das Gespräch der Borussen auf Politik. Nicht alle der Borussen wussten, dass am Abend die Sondierungen beendet wurden. Einer erklärt laut, dass er es gut finde, dass der Lindner da einfach aufgestanden sei, also er finde das gut, dass der Lindner einfach gegangen sei, irgendwie finde er das gut. 

Ich suche mir einen anderen Waggon.  


*Die hießen etwas anders. Ich habe aber festgestellt, dass die eine eigene Website haben, auf der auch Fotos von ihren Reisen eingestellt werden.